Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichte der Islamische Staat (IS) ein Video von der Verbrennung des jordanischen Piloten Muath al-Kasaesbeh. Im bislang wohl brutalsten und unmenschlichsten Akt seiner kurzen Geschichte verbrannte der IS den Piloten bei lebendigem Leib in einem Käfig. Das Video verbreitete sich in Jordanien mit rasender Geschwindigkeit und löste dort und in der gesamten Region Empörung aus.

Schockiert forderten die Jordanier eine sofortige Reaktion ihrer politischen Führung. Am folgenden Morgen folgte die Hinrichtung zwei verurteilter Terroristen. Zusätzlich verstärkte Jordanien in der vergangenen Woche  Luftangriffe gegen den IS. König Abdullah II. kürzte einen USA-Besuch ab, um in dieser kritischen Situation nach Amman zurückzukehren.

Die Veröffentlichung des Videos rückte einmal mehr die Skrupellosigkeit des IS ins Licht, hatte aber ansonsten in Jordanien nicht die vom IS gewünschte Wirkung. Denn dem IS ist es nicht gelungen, in der Frage einer Beteiligung Jordaniens an der internationalen Koalition einen Keil zwischen Staatsführung und Volk oder zwischen verschiedene Volksgruppen zu treiben. Im Gegegenteil: In Jordanien hat es nach der Ermordung des gefangengesetzten Piloten einen dramatischen Ruck in der öffentlichen Meinung gegeben.

Nach der Ermordung des gefangengesetzten Piloten hat es einen dramatischen Ruck in der öffentlichen Meinung gegeben.

Vor der Verbrennung von al-Kasaesbeh waren die Jordanier in der Frage der Bekämpfung des IS gespalten. Die einen argumentierten, eine Niederlage des IS in Syrien und im Irak sei im Interesse der nationalen Sicherheit des Landes. Es handle sich um einen Präventivkrieg, und es sei weniger verlustreich, den IS im Irak und in Syrien zu bekämpfen als an den jordanischen Grenzen.

Andere jedoch waren der Auffassung, dies sei nicht ihr Krieg. Jordanien dürfe sich der Koalition nicht anschließen, weil der IS das Land nicht bedrohe. Immer wieder wurde der Vorwurf laut, die USA, die keine Bodensoldaten einsetzten, trieben Jordanien und andere arabische Staaten in einen Stellvertreterkrieg für Washington. Einige Stimmen behaupteten gar, Jordanien sei von den Vereinigten Staaten unter Druck gesetzt worden, sich am Krieg zu beteiligen, konnten ihre Argumente allerdings nicht mit stichhaltigen Belegen untermauern. Insbesondere die Muslimbrüder schlachteten das Thema aus, um ihre schwindende Popularität zu erhöhen.

Nun, nach der Veröffentlichung des Videos, ist ein Rückzug Jordaniens aus der Koalition schwer vorstellbar. Die Staatsführung kann nun an Patriotismus appellieren und die Luftangriffe gegen den IS verstärken. Offiziell wurde bereits verlautbart, Jordanien werde kämpfen, bis der IS endgültig besiegt ist. Die beispiellose Grausamkeit des IS und die Ermordung Muath al-Kasaesbehs hat Jordanien unter der Führung des Königs geeint.

 

Die Sympathie der Unzufriedenen

Jordanien wird seinen Krieg gegen die Extremisten fortsetzen. Zugleich aber sollte es die Verhältnisse im eigenen Land gründlich analysieren und überlegen, wie dem IS innerhalb Jordaniens die Sympathien entzogen werden können. Es ist kein Geheimnis, dass unzufriedene arme und arbeitslose Jugendliche mit den Kämpfern sympathisieren. Die Regierung steht daher in der Pflicht, auf dem Lande die Rahmenbedingungen für eine gute und nachhaltige Entwicklung zu schaffen. Falls das nicht geschieht, wird es schwerfallen, benachteiligte Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren.

Der Kampf gegen den IS ist nicht nur eine militärische Auseinandersetzung, sondern auch ein Kampf um Ideen, Gedanken und Werte.

Hier sei daran erinnert, dass die Vorstellungen der IS-Kämpfer nicht vom IS erfunden wurden. Sie reichen weit zurück. Vor diesem Hintergrund muss es nun darum gehen, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen es Extremisten gelingt, diesen Ideen wieder zu Bedeutung zu verhelfen. Dass der IS erfolgreich Kämpfer rekrutiert, muss vor dem Hintergrund der unbefriedigenden sozioökonomischen Bedingungen betrachtet werden. Es versteht sich daher von selbst, dass man bei der sozioökonomischen Dimension des Extremismus ansetzen muss.

Immer mehr Stimmen in Jordanien fordern die Regierung auf, den Blick nach innen und auf die Bildung zu richten, um die Werte von Dialogfähigkeit und Toleranz zu vermitteln. Der Kampf gegen den IS ist nicht nur eine militärische Auseinandersetzung, sondern auch ein Kampf um Ideen, Gedanken und Werte. Jordanien wird des IS umso leichter Herr werden, je stärker es sich um eine solide Bildung kümmert. Bei mehr als einer Gelegenheit hat König Abdallah klargestellt, dass Bildung und die Verbesserung der sozioökonomischen Verhältnisse aller Jordanier höchste Priorität haben. Die Gesellschaft ist bereit für den Wandel. Es bleibt abzuwarten, ob die Staatsführung nun die lang erwarteten Maßnahmen ergreift, um eine Kultur der Toleranz und eine Politik der Inklusion zu stärken.