Der an Dramatik kaum zu überbietende politische Absturz von Liz Truss steht beispielhaft für den Aufruhr, der an der Spitze der britischen Gesellschaft tobt. Noch abzuwarten bleibt, ob die kurzlebigste Premierministerin in der britischen Geschichte nicht bald noch übertroffen wird vom Schauspiel eines Monarchen, dessen Regentschaft die Auflösung der alten Institution der königlichen Macht beschleunigt.

Sich das Ende der Monarchie auch nur vorzustellen, geschweige denn davon zu träumen, gilt in gewöhnlichen Zeiten in Teilen etablierter Kreise der britischen Gesellschaft als Irrsinn. Denn der Republikanismus ist dauerhaft an den Rand der britischen Politik verbannt, während die öffentliche Meinung gegenüber der Monarchie trotz gelegentlicher Ausschläge in den letzten Jahrzehnten weitgehend positiv ist.

Doch dies sind keine gewöhnlichen Zeiten, weder in Großbritannien noch irgendwo sonst. Eine Kombination aus geopolitischen Spannungen und nachlassendem Wirtschaftswachstum hat in Großbritannien einen Wirbelsturm politischer Instabilität ausgelöst. Inmitten dieser Unruhe führte der Tod von Königin Elizabeth II. vorübergehend zu einem Wiederaufleben royalistischer Gefühle. Hierauf stürzte sich das Establishment in der Hoffnung auf eine kurze Atempause, was jedoch wenig zur Beendigung der politischen Krise beigetragen hat.

Vielmehr hat sich die Krise fortgesetzt. Und nun besteht die Möglichkeit, dass die Monarchie ohne die Königin und mit einem skandalumwitterten König Charles auf dem Thron nicht mehr in der Lage sein könnte, die Rolle zu spielen, die sie in der Geschichte oft gespielt hat – die eines Bollwerks zur Unterstützung des kapitalistischen Systems.

Während der Beerdigung der Königin wurde versucht, ein Land darzustellen, das geschlossen hinter der Institution der Monarchie steht. Zweifelsohne war die Königin immer beliebt, von anderen Mitgliedern des Königshauses und der Monarchie selbst kann man das jedoch nicht behaupten. Eine Umfrage vor ihrem Tod ergab, dass 81 Prozent der Befragten die Königin positiv beurteilten. Dies spiegelte sich in der großen Anteilnahme an ihrem Tod wider: Tausende standen auf den Straßen Schlange, um dem Trauerzug für die Königin beizuwohnen, während Millionen Menschen in aller Welt vor den Fernsehern zusahen.

Doch unter der Oberfläche verbirgt sich ein brodelnder Unmut gegen die Monarchie.

Doch unter der Oberfläche verbirgt sich ein brodelnder Unmut gegen die Monarchie als Institution. So sind heute nur noch 39 Prozent im Vergleich zu 66 Prozent im Jahr 2011 der Meinung, dass Großbritannien auch in den kommenden 100 Jahren eine Monarchie bleiben sollte. Während 2011 noch 61 Prozent angaben, die Monarchie sei gut für Großbritannien, sind es 2022 nur noch 56 Prozent. Unter jungen Menschen scheint die Ablehnung der Monarchie stärker ausgeprägt zu sein. 2011 beispielsweise waren 67 Prozent der 18- bis 24-Jährigen der Meinung, dass Großbritannien weiterhin eine Monarchie sein sollte, dieser Anteil sank im Jahr 2022 auf 39 Prozent.

Allerdings hat sich die Zahl der jungen Menschen erhöht, die der Meinung sind, dass die königliche Familie weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollte. So waren 2011 noch 74 Prozent der Meinung, die Monarchie spiele eine weniger wichtige Rolle; dieser Anteil sank bis 2022 auf 53 Prozent. Diese positivere Bewertung wird jedoch nicht auf ein Wiederaufleben der Unterstützung für die Monarchie unter jungen Menschen zurückgeführt, sondern eher als vorübergehende Entwicklung gedeutet, die auf das Platin-Jubiläum in diesem Jahr und die emotionale Reaktion auf den Tod der Königin zurückzuführen ist.

Anderswo sind die Meinungen über die Krone nicht weniger geteilt, vor allem unter den Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen Kolonien des britischen Empire. Eine von ihnen ist Uju Anya, nigerianisch-trinidadische Amerikanerin und Professorin für Critical Race Theory an der Carnegie Mellon University. Sie setzte das Internet buchstäblich in Brand, als sie twitterte: „Ich habe gehört, dass die oberste Monarchin eines stehlenden, vergewaltigenden und völkermordenden Reiches endlich stirbt. Mögen ihre Schmerzen unerträglich sein.“

In weiteren Tweets beschuldigte sie Großbritannien und die Monarchie der Mitschuld am Völkermord während des nigerianischen Bürgerkriegs von 1967 bis 1970, bei dem mehr als eine Million Angehörige des Volkes der Igbos, vor allem Frauen und Kinder, ums Leben kamen. In Kenia rief der Tod der Königin schmerzhafte Erinnerungen an die unsäglichen Verbrechen hervor, die das britische Empire im Zuge des Mau-Mau-Aufstands begangen hatte, während der Tod von Königin Elizabeth für Südafrikas radikal linke Partei Economic Freedom Fighter (EFF) eine Erinnerung an eine tragische Periode ihres Landes und in der Geschichte Afrikas ist. In Südafrika wird nun der Ruf nach der Rückgabe des „Großen Sterns von Afrika“ (oder Cullinan 1) lauter – eines 500-Karat-Diamanten, der ins Ende eines Zepters der Königin eingearbeitet ist und der 1905 in Südafrika abgebaut worden sein soll.

An anderer Stelle wird von Großbritannien eine öffentliche Entschuldigung für seine kolonialen Verbrechen gefordert. Mukoma Wa Ngugi, Romanautor und Sohn des berühmten kenianischen Schriftstellers Ngugi Wa Thiong’o, drückte es so aus: „Wenn die Königin sich für Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus entschuldigt und die Krone aufgefordert hätte, Wiedergutmachung für die Millionen von Menschenleben zu leisten, die in ihrem Namen geopfert wurden, dann würde ich vielleicht das Menschliche tun und mich schlecht fühlen. Als Kenianer fühle ich nichts.“

Charles beginnt seine Regentschaft auf einer schwächeren Basis als seine Mutter.

Charles beginnt seine Regentschaft also auf einer schwächeren Basis als seine Mutter und zudem in unruhigen Zeiten. Zum Zeitpunkt seiner Krönung am 6. Mai 2023 wird König Charles 74 Jahre alt sein – und damit die älteste Person, die jemals in der Geschichte der Monarchie gekrönt wurde. Er wird nicht die gleiche Energie und Anziehungskraft haben wie die verstorbene Königin, die im Alter von 25 Jahren gekrönt wurde und die nächsten Jahrzehnte damit verbrachte, durch das Commonwealth zu reisen, Reden zu halten und Indigene zu umarmen, um die Unterstützung für Großbritannien und die Krone zu stärken.

Ungeachtet des kurzzeitigen Anstiegs seiner Beliebtheitswerte bei der Thronbesteigung ist es unwahrscheinlich, dass König Charles auf lange Sicht die Popularität der verstorbenen Königin erreichen wird. Dies wird sich zweifellos auf den Einfluss der Monarchie in der kommenden Zeit auswirken. Im Gegensatz zur Königin, die über Politik und Skandale erhaben war, hat der König nach wie vor eine Reihe von Skandalen zu verkraften, die an Untreue grenzen: das Versprechen eines Ritterschlags, das seine Stiftung im Gegenzug für eine Spende gemacht hat, die Einmischung in die Politik, die Annahme einer Spende der Familie Osama Bin Ladens, und so weiter.

Letztes Jahr enthüllte Meghan Markle in einem ihrer Interviews mit Oprah Winfrey, dass es mehrere Gespräche zwischen Prinz Harry und einem nicht identifizierten hochrangigen Mitglied des Königshauses über ihr Kind gab und darüber, wie dunkel seine Haut sein könnte, wenn es geboren werde. Einige spekulieren, dass es sich bei dem hochrangigen Royal um Harrys eigenen Vater, Prinz Charles, gehandelt haben könnte. Skandale dieser Art werden dem König weiterhin schaden und die Unterstützung für eine Republik schüren.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Krönung des Königs die Steuerzahler ein Vermögen kosten wird. Und das in einer Zeit, in der viele kaum in der Lage sind, Heizkosten und Lebensmittel zu bezahlen. Die ikonische Krönung der Königin vor 70 Jahren kostete 1,57 Millionen Pfund – das entspricht heute 46 Millionen Pfund. Diese Verschwendungssucht der königlichen Familie wird mit Sicherheit den Unmut innerhalb der Jugend verstärken, zumal viele die Monarchie als eine überholte Institution betrachten. Aber auch in anderen Altersschichten kann es aufgrund der sich verschlechternden sozialen und wirtschaftlichen Lage zu einem Gesinnungswandel kommen.

Nicht zuletzt geht es um die Auswirkungen, die all dies auf das Commonwealth haben würde – eine freiwillige politische Institution postkolonialer Staaten unter der Führung der britischen Krone. In den vergangenen Jahrzehnten wuchs die Organisation von nur acht Nationen auf 56 Mitglieder, die 2 Milliarden Menschen repräsentieren. Was nun unter dem neuen König geschehen wird, ist ungewiss. 15 der Mitgliedsstaaten betrachten ihn als ihren Souverän, aber das kann sich im Laufe der Zeit ändern. Dele Seteolu, nigerianischer Professor für Internationale Beziehungen an der Lagos State University (LASU), geht davon aus, dass „das Commonwealth zwar weiterhin bestehen wird, aber seine Macht und sein Einfluss als internationale politische Organisation wahrscheinlich schwinden werden“.

Die Bewertung der Regierungszeit von König Charles III. steht noch aus. Die Anzeichen sind jedoch zu offensichtlich, um sie zu übersehen. Die Thronbesteigung von Königin Elizabeth fiel mit dem Ende des Britischen Empires zusammen; die Thronbesteigung ihres Sohnes, König Charles III., dürfte zunächst zu einem Niedergang und schließlich zum Ende der Monarchie führen. Damit würde er seinem Vorgänger Charles I., dessen Herrschaft in den 1640er Jahren zu zwei Bürgerkriegen und einer zehnjährigen Abschaffung der Monarchie führte, in nichts nachstehen.