Alexander Van der Bellen, der Kandidat der Grünen, hat die Wahl am 22. Mai 2016 nun doch knapp mit 50,3 Prozent gewonnen. Er ist Präsident Österreichs. Wie gelang ihm die Aufholjagd?

Van der Bellen lag zwar im ersten Durchgang deutlich hinter Norbert Hofer von der nationalpopulistischen FPÖ, aber er konnte mit den Stimmen all jener Wähler rechnen, die keinesfalls einen FPÖ-Politiker als Bundespräsidenten haben wollen. Dies ist doch die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung, und Van der Bellen ist es durch seinen Wahlkampf gelungen, viele von ihnen zur Wahlurne zu bringen – vor allem in den Städten. Er hat seine Wahl vor allem Wien und den anderen Landeshauptstädten zu verdanken. Sein schlechtes Abschneiden gegen Hofer in der viel beachteten TV-Debatte auf ATV, die nicht moderiert wurde, hat ihm dabei sogar geholfen. Er wirkte wie ein Opfer eines übermäßig aggressiven Politikers, der alle Rhetoriktricks gelernt hat. Hinzu kam doch eine breite Unterstützung von pro-europäischen Bürgerlichen, einschließlich der im ersten Wahlkampf drittplatzierten ehemaligen Höchstrichterin Irmgard Griss. Schließlich dürfte ihm der Kanzlerwechsel zu Christian Kern auch noch ein wenig genützt haben, denn dieser hat die Proteststimmung im Land etwas gedämpft.

Bis Sonntag war Hofer der aussichtsreichere Kandidat. Auch wenn er es nun doch nicht geschafft hat, zeugt sein gutes Abschneiden doch von einem Rechtsruck in der Bevölkerung. Wie gespalten ist Österreich? Ist noch mal alles schlecht gegangen?

Es gab zwischen den beiden Durchgängen keine Meinungsumfragen. Hofers angebliche Favoritenrolle beruhte auf seinem starken Abschneiden im ersten Wahlgang, seinem forschen, selbstbewussten Auftreten und der Erwartung vieler Beobachter, dass Österreich immer weiter nach rechts rückt. Aber das ist ein Missverständnis. Was zunimmt, ist die politische Polarisierung zwischen Stadt und Land, Akademikern und Geringgebildeten, auch Männern und Frauen. Das ist in Österreich besonders dramatisch, aber auch in vielen anderen EU-Ländern zu beobachten. Doch regiert wird das Land weiterhin von der Mitte aus. Eine ständige Skepsis vieler Wählerinnen und Wähler gegenüber der Regierung ist damit programmiert.

Was zunimmt, ist die politische Polarisierung zwischen Stadt und Land, Akademikern und Geringgebildeten, auch Männern und Frauen.

Das frühe Ausscheiden von ÖVP und SPÖ in der ersten Wahlrunde muss als Versagen gewertet werden. Was haben die beiden Volksparteien falsch gemacht?

Sie haben nicht erkannt, dass die Wähler von konventionellen Kandidaten genug haben, vor allem für ein Amt, bei dem die Symbolik eine große Rolle spielt. SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer und ÖVP-Kandidat Andreas Khol wären vor zehn Jahren leicht in die Stichwahl gekommen. Aber diesmal wirkten sie wie Vertreter eines „ancien régime“, gegen die sich auch treue Parteigänger wandten. Und Alternativen gab es ja genug: Van der Bellen auf der linken, Griss auf der bürgerlichen Seite, und Hofer für alle, die es „denen da oben“ richtig zeigen wollten. Hinzu kam, dass die ÖVP Khol erst im letzten Moment aufgestellt hat, nachdem der Favorit Erwin Pröll abgesagt hatte, und Hundstorfer nie den richtigen Ton im Wahlkampf gefunden hat. Andere, spannendere Kandidaten hätten es wahrscheinlich in die Stichwahl geschafft.

Welche Lehren sollten andere Länder ziehen, in denen der Populismus auf dem Vormarsch ist?

Es gibt kein Patentrezept, um den Rechtspopulismus zu stoppen. Stehen bei den anderen Parteien besonders charismatische Persönlichkeiten zur Verfügung und verbessert sich die Wirtschaftslage, dann wird es leichter. Aber der Hang zum Rechtspopulismus ist nicht rational begründet, da geht es ums Emotionale. Ich glaube, die moderaten Kräfte in einem Land müssen aufhören, die Rechtspopulisten zu dämonisieren, und stattdessen bei jeder Gelegenheit auf die Schwächen und Fehler ihrer politischen Programme und Argumente hinweisen, statt diese teilweise zu übernehmen. Und man muss die EU und die europäische Politik weder verklären noch verdammen, sondern immer wieder betonen, dass ein Land allein heute kein einziges nationales Problem lösen kann.

Der Hang zum Rechtspopulismus ist nicht rational begründet, da geht es ums Emotionale.

Was müsste van der Bellen tun, um das Land wieder zu einen? Wie weit sollte er auf die Anliegen der Hofer-Wähler eingehen?

Es wird weniger an Van der Bellen, dem ich keine besonders dynamische Präsidentschaft zutraue, als am neuen Bundeskanzler Christian Kern liegen, wieder etwas mehr Gemeinsamkeit in die österreichische Politik hineinzubringen. Der Bundespräsident spielt im politischen Alltag nur eine Nebenrolle. Van der Bellen ist selbst kein Polarisierer, aber die Mehrheit der Hofer-Wähler wird er nie ansprechen können. Und die FPÖ wird alles dazu tun, um ihn wegen des knappen Wahlergebnisses zu delegitimieren und das Land weiter zu spalten. In ersten Reaktionen der FPÖ-Spitze wurde schon Wahlbetrug angedeutet.

Wie stehen Christian Kerns Chancen, die SPÖ aus dem Stimmungstief zu holen?

Kern bringt gute Voraussetzungen mit: Er ist in der Partei beliebt, ein ausgezeichneter Redner und verspricht allein durch seine Biographie – er ist kein Berufspolitiker – einen politischen Wechsel. Außerdem hat er viel mehr Glaubwürdigkeit in der Wirtschaft als sein Vorgänger Werner Faymann. Kern muss es gelingen, mit der ÖVP eine konstruktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Allerdings besteht die Gefahr, dass seine Partei ihm nicht folgen wird, wenn er Struktur- und Sozialreformen, etwa im Pensionssystem, zu forsch angeht. Von ihm wird eine Gratwanderung verlangt: tiefgreifende Reformen, die auch bei Betroffenen auf Verständnis stoßen. Bisher hat die österreichische Bevölkerung trotz des ständigen Rufs nach Reformen aber wenig Bereitschaft für persönliche Abstriche gezeigt. Die wenigsten wollen radikale Änderungen, was auch die Attraktivität der FPÖ ein wenig schmälert. Kern muss daher als Gradualist auftreten, der dennoch Bewegung signalisiert. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber er ist klug und hat in seinem Leben immer sehr überlegt gehandelt, vom Typ her ein wenig wie Italiens Premier Matteo Renzi.

Die Fragen stellte Anja Papenfuß.