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Zentralasien ist kein Schachbrett
Die Wirklichkeit ist komplexer (und weniger konfrontativ) als Geostrategen meinen.

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Zentralasien: Nicht nur Bauer auf dem „Schachbrett“ der Geostrategie

In Zentralasien wird wieder gespielt? So sehen das zumindest Geostrategen, in deren Analysen es stets um die ganz großen Einsätze geht: um kontinentale Einflusszonen, um Rohstoffe und letztlich die Vorherrschaft in Eurasien

Seit Rudyard Kipling den Kampf des Britischen Empire gegen das zaristische Russland mit dem Begriff „Great Game“ betitelte, wird die Region zwischen Kaspischem Meer und China sowie Sibirien und Hindukusch in Analysen immer wieder auf ein Spielfeld reduziert. Auf diesem liefern sich die großen Mächte einen Kampf um die Vorherrschaft. Strategien und Erfolgschancen werden ausführlich beschrieben. Was in diesem Bild fehlt, sind die Staaten der Region selbst. Ihnen bleibt im geopolitischen Schachspiel maximal die Rolle der Bauern. Sie werden passiv verschoben, geschlagen, oder – je nach Erfordernis – geopfert. Nur: Die fünf Staaten der Region sind keine passiven Spielfiguren, sondern selbst handelnde Akteure. Und sie wissen ihre zentrale Position durchaus zu nutzen. Dass das Deutungsschema eines strategischen Kampfes der Großmächte dennoch immer wieder Anwendung findet, liegt vermutlich nicht zuletzt an der Unkenntnis über die fünf unterschiedlichen Staaten. Denn der geopolitischen Spielmetapher gelingt es nicht einmal in Ansätzen, die tatsächliche Komplexität der Wirklichkeit wiederzugeben. Wenn schon ein vereinfachendes Bild erforderlich ist, dann bitte das eines orientalischen Marktes. Denn die Frage des „Wer gegen Wen“ ist längst nicht so entscheidend wie die Frage „Wer bietet Was“.

 

Sich ergänzende Interessen

Tatsächlich waren die Staaten Zentralasiens nach dem Zerfall der Sowjetunion zunächst ein gutes Jahrzehnt lang auf sich allein gestellt. Der alte Hegemon Russland war mit sich selbst beschäftigt und neue Mächte zeigten nur verhalten Interesse an der Region. Erst mit der Jahrtausendwende und dem Krieg in Afghanistan wandten sich nicht nur die USA, sondern auch Russland (erneut) der Region zu. China wurde noch später auf die westliche Nachbarschaft aufmerksam und hat erst seit wenigen Jahren eine wirkliche Zentralasien-Strategie entwickelt. Aus der Anwesenheit dieser Großmächte nun aber einen Kampf um die Vorherrschaft abzuleiten, ist eine vielleicht zündende aber in jedem Fall verkürzte Interpretation. Denn sie ignoriert, dass die Interessen Chinas, Russlands, der USA und Europas teilweise problemlos parallel existieren oder sich sogar gegenseitig ergänzen.

Die fünf Staaten der Region sind keine passiven Spielfiguren, sondern selbst handelnde Akteure.

Beispiel China und die USA: Beide teilen ein Interesse an der Stabilität der Region. China möchte einen Unruheherd an der Grenze zu seiner schwierigen Provinz Xinjiang verhindern und die USA hoffen auf einen positiven Effekt auf Afghanistan. Chinas Interesse an einem Ausbau einer Transportroute über Zentralasien nach Europa könnte zwar im Kontrast zu den Interessen der Seemacht USA stehen, harmoniert aber durchaus mit Infrastrukturplänen der EU. Lange Zeit existierten russische und US-Militärbasen in Kirgistan nebeneinander. Und selbst als Russland gegen die Amerikaner im Land wetterte, blieb die Versorgung mit Treibstoff durch russische Firmen stets sichergestellt. All das zeigt: Die Großmächte konkurrieren nicht nur, sondern kooperieren durchaus. Dort, wo die Interessen sich kreuzen, etwa bei der Frage des Zugangs zu Energieressourcen oder der Militärpräsenz in der Region, nutzen die zentralasiatischen Staaten ihre Chance.

 

Multivektorielle Außenpolitik

Um einer einseitigen Abhängigkeit entgegenzuwirken, nutzen alle Staaten der Region eine „multivektorielle Außenpolitik“. Sie verfolgen das Ziel einer gleichzeitigen oder wechselnden Partnerschaft mit den verschiedenen Großmächten. Um ihre Sicherheit zu garantieren, benötigen sie sicherheitspolitische Kooperation und Zugang zu entsprechender Technik. Dazu dient ihnen einerseits die von Russland geführte Organisation des Vertrages der kollektiven Sicherheit (OVKS). Sie war als „Gegen-NATO“ konzipiert worden und umfasst derzeit drei von fünf zentralasiatischen Staaten.

Um die Abhängigkeit von Russland zu relativieren, pflegen die Staaten zugleich die Zusammenarbeit mit den USA, etwa durch eine Beteiligung am Northern Distribution Network, das den Abzug der ISAF aus Afghanistan sichert. Auch im Partnership-for-Peace-Programm der NATO sind alle Staaten der Region beteiligt. Sicherheitspolitische Zusammenarbeit jenseits der militärischen Kooperation wird auch intensiv mit China geübt, das im Rahmen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) den Kampf gegen die „drei Übel“ Terrorismus, Extremismus und Separatismus fördert.

Die Großmächte konkurrieren nicht nur, sondern kooperieren durchaus.

In wirtschaftlicher Hinsicht sind die fünf Staaten in unterschiedlichem Maße von der russischen Wirtschaft abhängig. Das könnte sich durch die Gründung der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) für Kasachstan, Kirgistan und perspektivisch auch Tadschikistan noch verstärken. Um dem entgegenzuwirken, nutzte Kasachstan die Ukraine-Krise, um umfangreiche Streichungen am Vertragswerk der EAWU vorzunehmen und letztlich alles zu beerdigen, was nur ansatzweise politisch war. Präsident Nasarbajew verstand sehr wohl, dass es ohne Kasachstan keine EAWU geben würde und nutzte dieses Gewicht, um ein deutliches Signal der Unabhängigkeit an Moskau zu schicken. Zugleich ließ er sich nicht überreden, die Sanktionen Russlands gegen den Westen mitzutragen.

Westliche Staaten sind für Kasachstan, wie für die anderen Staaten der Region, ein wichtiger Wirtschaftspartner. Für Kasachstan, die mit Abstand größte Ökonomie der Region, ist die EU mit 40 Prozent des Exportvolumens der wichtigste Handelspartner und wird als Investor geschätzt. Insbesondere erhofft sich die Wirtschaft hier Impulse für die dringend benötigte Modernisierung. Folgerichtig unterschrieb Präsident Nasarbajew ebenfalls im vergangenen Jahr das erweiterte Partnerschaftsabkommen mit der EU, das eine vertiefte Kooperation vor allem in Handel und Investitionen ermöglicht. Die Partnerschaft mit China ermöglicht den Zentralasiaten wiederum den Aufbau der Infrastruktur. Peking avancierte damit zum bedeutendsten Investor in der Region und erhielt im Gegenzug den Zugriff auf die gewaltigen Ressourcen Zentralasiens. Als größter Abnehmer von Öl und Gas dürfte das Reich der Mitte Russland bereits abgelöst haben.

Das ist die politische und ökonomische Wirklichkeit einer neuen multipolaren Weltordnung. Sie ist weit komplexer, als es vereinfachte geopolitische Analysen wie die des „Great Game“ darstellen. Zugleich gibt sie kleineren Akteuren deutlich mehr Handlungsraum. Wer deren Interessen nicht berücksichtigt, wird keine sinnvolle Prognose zur Entwicklung der Region zustande bringen. Wer mit einer verkürzten machtpolitischen Sichtweise Strategien entwickelt, kann nur scheitern.

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2 Leserbriefe

Galgenstein schrieb am 17.02.2015
Danke für den Artikel. Das Gerede von Geostrategie hat etwas höchst Infantiles und ist vielleicht der Erfahrung einer Generation zuzuschreiben, die mit solche Strategiespielen aufgewachsen ist. Gemeinsam ist den meisten dieser Spiele, dass immer wenn einer gewinnt, ein anderer verlieren muss. In der nüchternen Welt der Marktwirtschaft sieht dies halt ein wenig anders aus. Gewinnen und sich auf Dauer behaupten kann nicht der, der monopolartig das Geschehen kontrolliert, sondern nur jener, der in der Lage ist auf die Kunden, sprich die Menschen einzugehen, ohne ihnen ihre Wahl vorschreiben zu müssen.
Die Zeiten in denen territoriale Macht mit Wohlstand einher geht, sind längst vorbei. Macht in unserer Zeit beruht darauf, dass man mehr als andere zu geben vermag, den Menschen, den Bürgern, den Konsumenten, und dass man weniger als andere dafür nimmt.
In dieser Welt ist Macht nicht mehr von Dauer, sondern sie muss sich täglich aufs Neue beweisen und zeigen, dass sie mehr als andere für die Menschen zu leisten vermag.
Das Gerede von multipolarer Weltordnung und Geopolitik verkennt diesen Aspekt der Moderne vollkommen. Macht um ihrer selbst willen zerstört die Fähigkeit Wohlstand zu schaffen da sie die Menschen dessen beraubt worauf es wirklich ankommt: ein Wahl treffen können und dürfen und sich möglichst von niemandem vorschreiben lassen zu müssen, was man darf und was nicht. Ohne diese Perspektive kann es keine Freiheit, und ohne Freiheit keine Sicherheit geben.
Kemter, Andreas schrieb am 20.02.2015
Der Artikel ist gut, weil er vernünftige Sichtweisen erläutert und begründet. Es bleibt zu wünschen, dass sich auch die Geostrategen, denen es um Einfluss und Bestimmungshoheiten für jetzt und insbesondere für die Zukunft geht, von solcher Denkweise beeindrucken lassen. Ich habe da meine Zweifel, ob das noch vor einem großen Krieg passieren kann.