„Huntington hatte recht“ schreibt der Chefredakteur des Cicero in seinem Editorial vom Februar 2015. Der „Clash of Civilisations“ (CoC) hat es seit seinem Erscheinen 1993 zweifellos zur belieben Feuilleton- und Stammtischtheorie gebracht. Und das, obwohl sie an der Universität so sehr verachtet wird, dass sie in der Regel nicht einmal in Seminarplänen auftaucht. Die wissenschaftliche Skepsis ist zunächst berechtigt: Sei es die Definition von Kultur, die Rolle von Religion und Kultur, die Operationalisierung der „Kulturkreise“ und „Kernstaaten“, die Aussagekraft von Bruchlinienkonflikten, das ethnozentristische Verständnis von Geschichte, die Theorie weist viele Ungereimtheiten auf und ist deutlich unter-komplex. Zudem birgt ihre ethisch problematische Handlungsanweisung die Gefahr einer self-fulfilling prophecy in sich. Deshalb gilt der CoC zu Recht als eine inkonsistente, schlechte Theorie.

Doch wie steht es um seinen Erklärungswert? Geben die aktuellen gewalttätigen Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik, in Nigeria, in Syrien und im Irak, im Jemen, im Süd-Sudan und in der Ukraine Huntington nicht recht? Sehen wir nicht überall Religionskriege und sind die Grenzen des Islams nicht blutig, wie der CoC behauptet? Wenn internationale Politik nur Macht- oder Nutzenspielen gleich käme und Kultur dabei unwichtig bliebe, warum erweisen sich dann Huntingtons Bruchlinien als so gute Prognoseinstrumente für gewalttätige Konflikte, wie zuletzt in der Ukraine? In der Erstdiagnose hatte Huntington anscheinend recht: Identity matters!

Der Westen hat geflissentlich die Identitätssuche vieler Gesellschaften unter- und die eigene Ausstrahlung überschätzt.

Gemeinschaften suchen in der Weltgesellschaft nach politischer Orientierung, dem Staats- und Regierungsmodell, in dem sie leben wollen. Der Westen hat dabei geflissentlich die Identitätssuche vieler Gesellschaften unter- und die eigene Ausstrahlung überschätzt. Aber bereits hier endet die Erklärungskraft des CoC, denn es sind Wandlungen von kollektiven Normen, Werten und Ideen, die Identitäten ausmachen. Die Idee des westlichen Modernisierungsoptimismus scheiterte in verschiedenen Varianten im Zuge der De-Kolonialisierung in Afrika, der Transition in Russland und des Nasserismus/der Baath-Parteien in den arabischen Republiken.

In der arabischen Welt liefen die Versprechen der sich bereichernden urbanen, säkularen Zentrumseliten zunehmend leer im Angesicht der verarmten, parochial geprägten Menschen der ländlichen Peripherie. Ihre Hinwendung zum Islam als gesellschaftliche und zunehmend politische Kraft, etwa in Form der Muslimbruderschaften, wurde jedoch unterdrückt – auch mit Hilfe des stabilitätsorientierten Westens. Der vergebliche Kampf um Macht und Erneuerung der arabischen Gesellschaften hat eine ungeahnte Radikalisierung hervorgebracht, die den europäischen Befreiungsbewegungen, Anarchisten und Nationalismen im Zeitalter der Restauration gar nicht unähnlich sind.

In extremis – so die Analyse des Islamwissenschaftlers Olivier Roy – hat sich eine dschihadistische Bewegung gebildet, die sich von ihrer arabisch-islamischen Kultur gelöst („dekulturalisiert“) hat. Al-Qaida und der IS, aber auch die Attentäter von Paris sind also dekulturalisierte transnationale Akteure, die mit brutaler Gewalt gegen andere Muslime wie Schiiten und Reformer, gegen korrupte pro-westliche Herrschaftshäuser und gegen den Westen vorgehen wollen. Der Westen sollte diese Herausforderung als Kampf um Demokratie, Staatsbildung und letztlich die Aufklärung in der Weltgesellschaft begreifen. Dabei sei daran erinnert, dass auch die europäische Aufklärung nicht primär ein Kampf gegen Religion, sondern größtenteils mit und in ihr war (Protestantismus!). Die Theorie des Clash of Civilisations hat hierzu nichts Brauchbares beizutragen.