Dürfen wir kurz stören? Heute sind doch deutsch-israelische Regierungskonsultationen... Und es geht um ein Thema, das richtig wichtig ist. Nur ist es in den vergangenen Jahren völlig von der Bildfläche verschwunden … zumindest für jeden, der nicht aus beruflichen, familiären oder heiligen Gründen regelmäßig zwischen Mittelmeer und Jordan verkehrt.

Da war doch was? Richtig: Der Nahost-Konflikt. Vor dem Arabischen Winter, pardon, Frühling gemeinhin als „Kernkonflikt des Nahen Ostens“ bezeichnet. Heute Nebenkriegsschauplatz eines Nebenkriegsschauplatzes in der apokalyptischen Selbstzerfleischung des modernen Orients.

Das Problem ist: Als niemand hinschaute, haben sich die Realisierungschancen einer Zweistaatenlösung zwischen Israelis und Palästinensern so sukzessive wie vollständig in Luft aufgelöst. Heute erntet man auf ritualisierte Bekenntnisse zur Teilung des Landes entlang der sogenannten Grünen Linie und zur Etablierung zweier unabhängiger Staaten „Seite an Seitein Frieden und Sicherheit“ – so die unausrottbare Formel – vor Ort ein mildes Lächeln. Bestenfalls.

Das hat jetzt auch die New York Times eingesehen. In einem aktuellen Beitrag erklärt Thomas L. Friedman höchstselbst den Frieden für ausgeschlossen. „Der Friedensprozess ist tot. Es ist vorbei, Leute! Hört auf, uns Gastbeiträge zur Zweistaatenlösung zu schicken!" Friedmans Bilanz: Der israelische Premierminister Netanjahu, „rechtsgerichtete jüdische Milliardäre wie Sheldon Adelson“, die islamistische Hamas und die Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde haben es (wir vereinfachen sinngemäß): vergeigt.

Friedman: „So viele Leute haben Messer in den Friedensprozess gestoßen, dass schwer auszumachen ist, wer ihm den Todesstoß versetzt hat“. Doch in der Summe seien Benjamin Netanjahu und die Hamas Vater, beziehungsweise Mutter der Einstaatenlösung. Herzlichen Glückwunsch.

Das ist starker Tobak. Denn wenn es so etwas wie eine Galionsfigur des Mainstreams in der amerikanischen Nahost-Publizistik gibt, dann ist es der unvergängliche New York Times-Korrespondent und Kolumnist Friedman, der mit seinem Klassiker „Von Beirut nach Jerusalem“ seit Ende der achtziger Jahre Generationen von Journalisten auf ihren Einsatz im Nahen Osten eingestimmt hat – sehr zum Verdruss von Edward Said.

Friedmans Bedeutung ist dabei nur schwer ins Deutsche zu übersetzen. Denken Sie an eine Kombination aus Peter Scholl-Latour, Heribert Prantl und Karl May (sofern das möglich ist). Und nun vergegenwärtigen Sie sich einen bitteren Schwanengesang auf das absolute, unwiederbringliche, nicht mehr aufzuhaltende Ende des Heiligen Grals der internationalen Diplomatie im Nahen Osten – veröffentlicht in der einflussreichsten Tageszeitung der Welt. Voilà.

Das war’s schon. Wir wollen gar nicht länger stören.

Den Thomas Friedman Beitrag The Many Mideast Solutions finden Sie hier.