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Braucht die EU einen „Pivot to Asia“?
Fünf Antworten von Danny Quah in London.

Sie haben schon 2010 einen einflussreichen Essay über die dramatische Verschiebung der Weltwirtschaft nach Asien verfasst. Welchen Einfluss hat die europäische Krise auf diese Entwicklungen gehabt?

Der Schwerpunkt hat sich noch schneller nach Osten verschoben, als ich 2010 gedacht hatte. Der grundlegende Trend ist nicht linear oder frei von Unterbrechungen. Auch in der Vergangenheit hat etwa die Asienkrise der 90er Jahre die ökonomische Verschiebung verlangsamt und sogar kurzzeitig umgekehrt. Aber seit der Veröffentlichung ist Chinas Wirtschaft um 4,5 Billionen US-Dollar gewachsen. Die der USA um 1,5 Billionen. China ist also in absoluten Zahlen drei Mal so stark gewachsen wie die USA. Wenn man sich die zehn wachstumsstärksten Länder seit der Finanzkrise von 2008 ansieht, fällt auf, dass das asiatische Staaten sind oder Länder, die viel mit China handeln. China ist also die Lokomotive, die nicht nur Ostasien, sondern die gesamte Weltwirtschaft zieht. Es wird oft behauptet, auch in akademischen Zirkeln, dass dieser Prozess bald aufhören wird, dass Chinas und Asiens Wachstum schwächeln wird. Dasselbe wurde 2010 als Antwort auf meinen Artikel behauptet. Eigentlich wird das Schwächeln Asiens bereits seit 30 Jahren immer wieder proklamiert; und seit 30 Jahren liegen diese Voraussagen falsch.

Deutschland hat stark von diesen Entwicklungen profitiert. Während die USA bis vor kurzem der größte Exportmarkt der Deutschen außerhalb der EU waren, hat sich dies in den letzten drei Jahren gewandelt. Asien hat die USA als wichtigster Handelspartner abgelöst. Die große Verschiebung der Weltwirtschaft hat Deutschland also sehr geholfen.

Stimmt die Wahrnehmung, dass Asien zwar erfolgreich in wirtschaftlicher Hinsicht ist, aber an politischen Problemen krankt?

Diese Probleme sind in der Tat da und sie sind besorgniserregend. Es ist eigentlich erstaunlich, dass es diesen Ländern und ihren Bewohnern gelungen ist, weiter zu wachsen und erfolgreich zu sein, angesichts dieser politischen Dysfunktionalität. Stichwort: Korruption und Beteiligung.

Wenn die asiatischen Länder aufhören zu wachsen, werden Hunderte Millionen Menschen arm bleiben.

Asien muss sich politisch endlich am Riemen reißen. Wenn dies nicht gelingt, wird das Wachstum dort ernsthaft bedroht sein. Es ist auch im Interesse der Regierungen, diese Probleme zu beheben. Denn wenn Asiens Stabilität wackelt, wird es aufhören zu wachsen. Und wenn die asiatischen Länder aufhören zu wachsen, werden Hunderte Millionen Menschen arm bleiben. Das kann nicht im Interesse der Regierungen sein.

Wie sehen Sie die Rolle der EU? Könnte sie in diesem Prozess der politischen und sozialen Reform assistieren?

Absolut. Europa steht in den Augen asiatischer Länder für Menschlichkeit und Gutherzigkeit gegenüber Menschen, gerade im Gegensatz zu den USA. Viele Länder sind argwöhnisch gegenüber den USA und sehen sie eher als Führungsmacht, die sich nimmt, was sie kriegen kann. Europa tut das einfach nicht. Europa kann der Welt in dieser Hinsicht viel beibringen, das ist meiner Meinung nach eine der größten Stärken der EU.

Europa ist wirklich gut darin, mit Ländern zum gegenseitigen Vorteil befreundet zu sein.

Viele fordern ja in den letzten Jahren eine stärkere traditionelle, auch militärische Macht für die EU. Ich denke jedoch, dass es eine bessere Zukunftsoption für Europa und für die Welt ist, wenn die EU sich weiterhin auf Soft Power, auf gutherzige Politik gegenüber der Welt konzentriert. Es gibt hier beeindruckende Erfolge, zum Beispiel was die Drogenpolitik angeht. Die USA sperren ihre Drogenabhängigen ins Gefängnis – Europa versucht, das Leben von Drogenabhängigen zu verbessern und die kriminellen Elemente des Drogenmarktes zu verringern. Das ist ein großartiges Beispiel für eine Politik, von der die Welt lernen kann.

Und doch gibt es für die EU zumindest bislang keinen „Pivot to Asia“. Sollte sich das ändern?

Ich glaube, dass der Austausch intensiviert werden sollte. Dafür sollte sich die EU bewusst sein, was sie asiatischen Ländern anbieten kann und was nicht. Die USA etwa versprechen vor allem Schutz und Sicherheit. In dieser Hinsicht wird Europa keine konkurrenzfähigen Angebote machen können. Europa ist wirklich gut darin, mit Ländern zum gegenseitigen Vorteil befreundet zu sein. Asien wird bald eine halbe Milliarde Senioren haben, für die es keinerlei Vorkehrungen, ausreichende Rentensysteme oder Ähnliches gibt. In Europa kümmern wir uns seit Jahrzehnten um ältere Menschen. Wir sollten der Welt beibringen, wie man das tut.

Was passiert, wenn das enorme Wachstum, etwa in China, weiter nachlassen sollte oder sogar einbricht? Welche Konsequenzen hätte das für die Region, aber auch für die Welt?

Das ist tatsächlich ein großes Risiko. Ich bin aber der Meinung, dass Asien, speziell außerhalb von China, eine größere Widerstandsfähigkeit aufweist, als manchmal angenommen wird. Ich glaube daher nicht, dass Asiens Wachstum kollabieren wird. Es wird sich verlangsamen, ja. Aber diese Verlangsamung kann den Gesellschaften vielleicht auch ermöglichen, über sich selbst nachzudenken und endlich eine Reihe von sozialen Problemen anzugehen, die das rapide Wachstum übertüncht hat. Eine Verlangsamung des Wachstums kann für die Länder der Region also sogar etwas Gutes sein.

 

Die Fragen stellten Nikolaos Gavalakis und Cedric Koch.

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