Sie sind soeben von einer Reise in den Nahen Osten zurückgekehrt und waren unter anderem zu Gesprächen im Gazastreifen. Wie sind Ihre Eindrücke?

Mein Eindruck ist, dass die Realität sich sehr viel schlimmer darstellt als das in den Medien berichtet wird. Schon die Einreise in den Gazastreifen ist gespenstisch. Über den Erez Grenzübergang erreicht man eine weitgehend zerstörte Stadt. Schließlich sind es nicht nur einzelne Häuser, die in den Kämpfen des vergangenen Jahres zerstört wurden, sondern zum Teil ganze Straßenzüge, die nach wie vor in Trümmern liegen. Immer noch sind ganze Familien provisorisch in Schulen untergebracht. Ein Vertreter der Vereinten Nationen berichtete mir, dass in 18 Gemeinschaftsunterkünften, dabei handelt es sich u.a. um UN-Schulen, obdachlose Familien behelfsmäßig untergebracht sind. Die Situation ist äußerst deprimierend. Denn angesichts der anhaltenden Zerstörung können diese Menschen nicht auf eine rasche Verbesserung ihrer Situation hoffen.

Der Gazakrieg hat weitere politische Auswirkungen. Der Internationale Strafgerichtshof hat am Freitag Vorermittlungen eingeleitet. Nun hat der israelische Außenminister Deutschland aufgefordert, die Finanzierung des Gerichtshofs einzustellen. Wie sehen Sie das?

Die Entscheidung der palästinensischen Führung dem Internationalen Strafgerichtshof beizutreten, will ich an dieser Stelle nicht politisch bewerten und mich auch zu der Wirksamkeit eines solchen Beitritts nicht äußern. Aber natürlich stand das Thema des Beitritts sowohl in der Westbank als auch im Gazastreifen und in Ägypten auf der Tagesordnung. Aus meiner Sicht ist die Reaktion der israelischen Seite kontraproduktiv und überzogen. Schließlich wurde der Internationale Strafgerichtshof zur Aufklärung genau solcher Fälle geschaffen, um die es jetzt geht. Im Übrigen wird das Gericht nicht nur in eine Richtung ermitteln, sollte es sich überhaupt als zuständig sehen. Auch das palästinensische Vorgehen im Krieg würde untersucht werden.

Was den Vorstoß angeht, die Finanzierung des Gerichtshofs auszusetzen, kann ich nur davor warnen, sich diesem Vorschlag anzuschließen.

Israel hat selbst Untersuchungen eingeleitet und sollte aus meiner Sicht mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenarbeiten. Was den Vorstoß angeht, die Finanzierung des Gerichtshofs auszusetzen, kann ich nur davor warnen, sich diesem Vorschlag anzuschließen.

Weshalb kommt der Wiederaufbau Gazas nur so schleppend voran?

Darüber gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Ein Problem ist sicherlich die Verzahnung der verschiedenen Wiederaufbauprogramme. Internationale Projekte der Vereinten Nationen stehen hier ja neben Bemühungen der sogenannten palästinensischen Einheitsregierung. Eine solche existiert derzeit nur begrenzt. Gerade hier fällt die Abstimmung daher offenbar noch schwer. Es geht dabei um ganz konkrete Fragen: Wer kontrolliert die Grenzen? Die Hamas? Klar ist, dass hier vieles viel zu langsam vorangeht. Der Aufbau stockt.

Schwierig ist dabei nicht zuletzt die Situation in Rafah an der ägyptischen Grenze. Hier ist unklar, wann der Übergang geöffnet und wann er geschlossen ist. Während meines Aufenthaltes im Gazastreifen ging das Gerücht um, die ägyptische Seite würde die Grenze drei Tage lang öffnen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Die Folge des fehlenden Wiederaufbaus und der Abriegelung ist komplette Resignation.

Was sind die politischen Konsequenzen dieser Resignation?

Mein Eindruck ist, dass die radikalen Kräfte florieren. Bekanntlich hat Ägypten vor einiger Zeit die Tunnel, die von Ägypten in den Gazastreifen führten, geschlossen. Dies hat, so zumindest die Einschätzung verschiedener Beobachter vor Ort, den moderateren Teil der Hamas weiter geschwächt. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus denkbar, dass wir in naher Zukunft einen weiteren Konflikt in und um Gaza erleben könnten. Verschiedene Gesprächspartner haben davor gewarnt, dass eine neue Runde der Gewalt näher sein könnte, als wir es erwarten. Und klar ist dabei eigentlich nur, dass auch jeder kommende Waffengang auf dem Buckel der Menschen ausgetragen werden wird.

Sie haben auch mit Menschenrechtsaktivisten in Gaza gesprochen. Wie hat sich die Lage der Menschenrechte seit dem Krieg entwickelt?

Menschenrechtsverletzungen in Gaza resultieren wesentlich aus der Abriegelung des Küstenstreifens selbst. Aber richtig ist auch, dass vor, während und nach dem Gazakrieg im vergangenen Jahr schwerste Menschenrechtsverletzungen von Seiten der Hamas-Regierung begangen worden sind. Ich spreche von Exekutionen, so genannten extra legalen Tötungen, der Verhängung der Todesstrafe, die weiterhin nicht ausgesetzt ist, und anderem. Die Lage ist wirklich dramatisch schlecht. Die Menschenrechtsbilanz fällt aber nicht nur in Gaza kritisch aus. Auch in der Westbank ist die von den israelischen Behörden verwendete Administrativhaft zu nennen.

Wie sind die Aussichten, dass Israelis und Palästinenser ohne Druck von außen zu einer Lösung gelangen können?

Ich bin sehr skeptisch. Meine Einschätzung ist: Die Fronten haben sich seit dem Krieg noch mehr verhärtet. Selbst an Punkten, wo eine Zusammenarbeit beider Seiten durchaus möglich und im gegenseitigen Interesse wäre, findet das mittlerweile nicht mehr statt. Stagnation herrscht jedoch nicht nur im israelisch-palästinensischen Verhältnis. Auch die palästinensische Übergangsregierung ist in ihren Anfängen stecken geblieben. Noch immer regiert eine so genannte Technokratenregierung. Palästinenserpräsident Abbas selbst ist seit Verkündung der Übergangsregierung zwischen Westbank und Gaza noch nicht nach Gaza gereist. Das wird ihm dort durchaus übel genommen.

Jahrzehnte weitgehend erfolgloser Verhandlungen sollten auch zu einer Konsequenz führen.

Was das groß Bild angeht: Jahrzehnte weitgehend erfolgloser Verhandlungen sollten auch zu einer Konsequenz führen. Wir sollten uns dringend überlegen, an welchen Stellenschrauben wir drehen können, um Fortschritte zu erzielen. Aus meiner Sicht wäre ein erster Schritt, die Abriegelung des Gazastreifens aufzuheben und im Sicherheitsbereich zusammenzuarbeiten. Nur so kann sich langsam Vertrauen entwickeln.

 

Die Fragen stellte Michael Bröning