Am 3. Juli 1944, heute vor 70 Jahren, endete die deutsche Besatzung von Minsk, der Hauptstadt der heutigen Republik Belarus. Zu dieser Zeit lebten von den ehemals 200.000 Einwohnern gerade noch 50.000 in der Stadt. Über 90 Prozent der Stadt waren zerstört. Belarus – oder Weißrussland, wie das Land in Deutschland auch genannt wird, - hat unter den Folgen der deutschen Besatzungs- und Vernichtungspolitik gelitten wie kaum ein anderes Land in Europa. Der US-Historiker Timothy Snyder bezeichnete das Belarus der Jahre 1941 und 1944 als „the deadliest place on earth“. Insgesamt wurde die Hälfte der Bevölkerung entweder ermordet oder zwangsdeportiert. Über 700.000 Juden wurden in Ghettos gepfercht und brutal ermordet. Verbrechen, deren furchtbare Dimension mit menschlichem Ermessen kaum begreifbar ist.

In der Vielzahl der Gedenktage in diesem Jahr, droht der Jahrestag der Befreiung eines einzelnen Landes von Krieg und Faschismus fast unterzugehen. Doch Belarus muss aufgrund der unfassbaren Verbrechen, die dem Land und seinen Menschen angetan wurden, einen festen Platz in der europäischen und besonders in der deutschen Erinnerungskultur erhalten. Es ist dringend erforderlich, dass wir uns in angemessener Weise vor den Opfern und den wenigen Hinterbliebenen verneigen und uns für die grausamen Verbrechen, die in deutschem Namen begangen wurden, entschuldigen.

Die politische Situation in Belarus und die daraus erwachsenen Sanktionen der Europäischen Union erschweren den politischen Dialog und verhindern eine konstruktive politische Zusammenarbeit.

Es ist aber auch an der Zeit, dass wir uns bei denjenigen bedanken, die sich heute in Deutschland und Belarus unermüdlich für die Begegnung und die Versöhnung zwischen Deutschen und Belarussen engagieren und die praktische Solidarität leben. Es geht um alle diejenigen, die zusammen mit Zeitzeugen in zahllosen Begegnungen die Erinnerung an die Verbrechen und ihre Opfer aufrechterhalten. Es geht um diejenigen, die sich in der Tschernobyl-Hilfe für die Opfer der größten Technikkatastrophe des 20. Jahrhunderts engagieren. Und es geht auch um diejenigen, die in Städtepartnerschaften und Vereinskontakten für einen regen kulturellen, sozialen und vor allem persönlichen Austausch zwischen Deutschland und Belarus sorgen. Dieser vielfältigen Solidarität zwischen Deutschen und Belarussen verdanken wir mittlerweile ein positives Bild von den Deutschen in Belarus, das Regierungen und Parlamente nie hätten erreichen können.

 

Isolation und die Herausforderung des politischen Dialogs

Leider wissen viele Deutsche heute nur wenig über Belarus. Das Land wird seit 1994 von Präsident Alexander Lukashenko autoritär regiert und verharrt seit Jahren in einer internationalen politischen Isolation. Den letzten tiefen Einschnitt bildeten die Präsidentschaftswahlen 2010. Die Proteste im Nachgang der Wahl wurden brutal niedergeschlagen und zogen für führende Oppositionelle langjährige politische Haftstrafen nach sich. Diese politische Situation und die daraus erwachsenen Sanktionen der Europäischen Union erschweren den politischen Dialog und verhindern eine konstruktive politische Zusammenarbeit. Die Bedeutung von Menschenrechten sollte jedoch eine der wichtigsten Lehren aus unserer Geschichte sein. Deswegen ist es richtig, ihre universelle Umsetzung einzufordern und auf Verwirklichung hinzuwirken, auch in unserem Austausch mit Belarus.

In den vergangenen Wochen gab es kleine Hoffnungsschimmer und Signale aus Belarus, die wir aufgreifen müssen.

In den vergangenen Wochen gab es kleine Hoffnungsschimmer und Signale aus Belarus, die wir aufgreifen müssen. Mit dem Menschenrechtsaktivisten Ales Beliazki wurde am 21. Juni einer der langjährigen politischen Gefangenen unerwartet vorzeitig aus der Haft entlassen. Dies wurde von der Europäischen Union als „wichtiges Zeichen“ aufgenommen. Zugleich wurde die Regierung von Präsident Lukashenko ermuntert, diesem Weg weiter zu gehen und auch die anderen Gefangenen freizulassen. Sollten hier weitere Schritte folgen, dann könnte dies neue Bewegung in die Beziehungen und ein konstruktives Zugehen aufeinander ermöglichen.

Belarus gehört zu Europa. Unsere Geschichte mahnt uns dazu, Belarus einen festen Platz in der Erinnerungskultur Europas zu geben. Belarus braucht aber auch einen Platz in Europas Zukunft. Und die sollte von gegenseitigem Respekt, der Anerkennung von Unterschieden auf der Grundlage der gemeinsamen Werte von Freiheit und Demokratie geprägt sein, die Europa nach 1945 entscheidend geprägt haben. Der 3. Juli ist ein Datum, das alle Seiten an diese Verantwortung erinnert.