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Kein „Annus Horribilis“
Acht Gründe (und ein halber), weshalb 2014 trotz allem ein gutes Jahr war.

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1. Januar 2014, 00.01 Uhr: Den "IS" kannte kein Mensch und klar war: Brasilien holt den Titel.

„Es war ein annus horribilis,“ klagte die britische Königin Elisabeth anlässlich ihres 40. Thronjubiläums 1992. Obwohl das Urteil standesgemäß mit einer Diamantenkrone auf dem Haupt vorgetragen wurde, erschien die königliche Verzweiflung nachvollziehbar. Nur Wochen zuvor war Windsor Castle, die Hauptresidenz der britischen Royals, durch ein Feuer verwüstet worden. Lichterloh in Flammen standen aber nicht nur Grundbesitz, sondern auch familiäre Beziehungen der Windsors. Flammen der Leidenschaft hatten – wenn man so will – eine Kette emotionaler Krisen ausgelöst. Das Resultat: Die Queen war „not amused“ und das Jahr abgeschrieben. Und doch: Im Vergleich zu den zurückliegenden elf Monaten des Jahres 2014 muss man sich das Jahr 1992 wohl als ein glückliches vorstellen - nicht nur in Großbritannien.

Annexion der Krim, neuer Kalter Krieg mit Russland, Rassenunruhen in den USA, Ebola in Westafrika, Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer, Massaker in Syrien, selbsternannte Kalifen im Irak, triumphierende Populisten in Europa, sinnlose Zerstörungsorgien in Gaza, Studentenmorde in Mexiko, Putsch in Thailand, Spannungen im Ostchinesischen Meer, Flugzeuge, die vom Himmel fallen, al-Qaida im Sahel und natürlich die Mädchenentführer von Boko Haram. Billy Joel könnte ein schlimmes Lied daraus machen. 

Selbst in einem „annus horribilis“ lohnt es sich, nach Erfreulichem zu fahnden.

Und die Haben-Seite des Jahres 2014? Sie sieht mager aus – zumindest auf den ersten Blick. Stimmt schon, nett war er, der Triumph der Mannschaft (und eines weißen Hemds) in Brasilien. Nicht zu vergessen die Aufnahme Lettlands in die Eurozone. Schön für die Letten. Doch war es das ansonsten? Nicht so schnell. Selbst in einem Schreckensjahr lohnt es sich, nach Erfreulichem zu fahnden. Hier deshalb acht positive Trends des vergangenen Jahres (und ein halber).

1. Der Papst. Die Welt hat 2014 einen katholischen Oberhirten kennengelernt, der Bescheidenheit praktiziert und einiges im Vatikan auf den Kopf gestellt hat. Der 266. Stellvertreter Christi auf Erden geht auf Minderheiten zu und auf pädophile Priester los. Er verdammt nicht Homosexuelle, sondert die verdammte Homophobie und hat offenbar kein Problem mit Charles Darwin. Dafür aber mit der israelischen Sperranlage. In bester befreiungstheologischer Tradition will er eine „arme Kirche für die Armen“. Selbst das Rolling Stone Magazin setzte den Mann auf die Titelseite. Völlig zu Recht. Denn mit so einem Papst ist Katholizismus fast schon cool. Immerhin.

2. Die Demokratie. 2014 war ein Wahljahr der Superlative. Sicher, nicht alles lief glatt. Immer wieder gewannen die Falschen – und geschummelt wurde natürlich auch, was das Zeug hielt. Und doch: Indien stemmte im Sommer die größte Wahl in der Geschichte der Menschheit. 800 Millionen schickten den National Congress nach 10 Jahren ins Abseits – ganz friedlich. Auch in Afghanistan strömten die Menschen an die Urnen – trotz Terrordrohungen der Taliban. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Erde, setzte sich ein Ex-Schreiner und Bürgermeister gegen einen ehemaligen Suharto-General durch. Und natürlich Brasilien: Dort wurde die Lula-Nachfolgerin Roussef überraschend klar im Amt bestätigt. 2014 gewannen nicht immer die Falschen. Immerhin.

3. Apropos Brasilien: Erfreuliches auch vom Regenwald. Klar, noch immer wird jedes Jahr eine Fläche zweimal so groß wie das Saarland abgeholzt. Die Kettensägenindustrie freut das, sonst niemanden. Gut also, dass die Vernichtung der grünen Lunge des Planeten in Brasilien nun zumindest langsamer voranschreitet als zuvor. Fast 20 Prozent weniger Rodung im Vergleich zum Vorjahr meldete Brasiliens Umweltministerin vor einigen Tagen. Reicht das aus? Sicher nicht. Schon, weil im Vorjahr abgeholzt wurde auf Teufel komm raus. Aber trotzdem: immerhin.

3. Griechenland. Ernsthaft. Von 14 Ländern der Eurozone ist ausgerechnet die griechische Wirtschaft im dritten Quartal 2014 am stärksten gewachsen. Sicher 0,7 Prozent sind nicht gerade beeindruckend. Doch im Vergleich zu den üblichen Katastrophenmeldungen aus Athen ist das nach sechs Jahren Rezession keine Bagatelle. Die EU-Kommission rechnet für das kommende Jahr gar mit einem Plus von 2,9 Prozent. Auch die Arbeitslosigkeit ist leicht – ganz leicht – gesunken. Gestiegen sind hingegen die Löhne – um 1,9 Prozent. Ist das die Wende in der Krise? Das kommt darauf an, wen man fragt. Vor allem die politische Unsicherheit bleibt. Aber zumindest ein Silberstreifen am Horizont ist zu erkennen. Immerhin.

5. Das Weltklima. Schon klar, das jüngste Abkommen zwischen Washington und Peking ist nicht der historische Game-Changer, als der er von der PR-Abteilung des Weißen Hauses besungen wird. Das Versprechen, Treibhausgase bis zum Jahr 2025 um 28 Prozent der 2005-Werte zu reduzieren, wird die Welt alleine nicht vor dem Klimakollaps bewahren. Das Abkommen ist nicht ehrgeizig genug und natürlich rechtlich nicht bindend. Und doch: Es ist die erste Zusage der Chinesen, eine weitere Zunahme der Emissionen ab 2030 verhindern zu wollen und den Anteil der Renewables um 20 Prozent zu erhöhen. Manchmal gibt es auch positive Überraschungen – immerhin.

6. Der Arabische Frühling. Zumindest das, was von ihm in Tunesien übriggeblieben ist. Während die Restregion des Nahen und Mittleren Ostens in Flammen steht, und die Euphorie von Hoffnungs- und Ratlosigkeit abgelöst wurde, sind zumindest die Tunesier offenbar auf dem rechten Weg. Dabei ist es fast unerheblich, dass in den Parlamentswahlen im Oktober die säkulare Plattform den Islamisten den Rang abgelaufen hat. Die kamen nur auf 69 Sitze. Die eigentliche Erfolgsgeschichte ist die Tatsache, dass überhaupt Wahlen durchgeführt wurden. Nach drei Jahren politischer Rangelei und ökonomischer Krise hat das Land eine neue Verfassung ausgearbeitet und demokratische Wahlen abgehalten. Das ist ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Region. Die Transformation geht weiter. Immerhin.

7. Iran. Auch ganz ernsthaft. Wurden die Verhandlungen über die Lösung des Atomkonflikts nicht gerade ergebnislos verlängert? Genau. Und das ist weit besser als nichts. In einer Situation, in der US- und iranische Diplomaten zu direkten Gesprächen nicht in der Lage sind, ist eine Fortsetzung der Gespräche nicht das Schlechteste. Kriegsdrohungen beider Seiten liegen nach wie vor offen auf dem Tisch. Zugleich aber ist klar, dass ohne ein Mindestmaß an Kooperation der Nahe Osten kaum zu befrieden ist. Statt „Bomb, Bomb, Bomb, Iran“ geht der Dialog weiter. Immerhin.

8. Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2014 und dürfen uns über wissenschaftliche Durchbrüche freuen. Indien hat eine Sonde zum Roten Planeten geschickt und zählt nun zum Elite-Club der erfolgreichen Raumfahrtnationen. Das Besondere: Den Trip gab’s zum Schnäppchenpreis. Mit umgerechnet 57 Millionen Euro war die Expedition weit billiger als die Mission Gravity, die immerhin nur auf einer Leinwand stattfand. Supergünstig auch: Die Reise der europäischen Sonden Rosetta und Philae zum Kometen Tschuri. Für nur 30 Cent pro Jahr war jeder EU-Bürger mit dabei. War’s das nicht wert?

Soweit die Haben-Seite des Jahres 2014, die bei allen Hiobsbotschaften zumindest nicht ganz unter den Tisch fallen sollte. Und ein Schmankerl gibt‘s noch obendrauf: Sommeliers rechnen mit einem ganz außergewöhnlich guten Wein-Jahrgang 2014. Die frohe Botschaft betrifft übrigens insbesondere englische Winzer. Doch, die gibt es. Ob ihre Erzeugnisse aber die anstehende persönliche Jahresbilanz der Queen aufzuhellen vermögen, dürfte fraglich sein. Doch besser als ein brennendes Schloss werden sie schon sein. Immerhin.

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