Polen in den 1980er Jahren: Pferdefuhrwerke auf Feldern und Straßen, graue Fassaden, leere Regale, Zloty, die nichts wert sind, traurige Plattenbauten, müde Gesichter, volle Kirchen. Das Land war erschöpft vom Streiten und Streiken, von der Mühsal des Alltags und von der Erfolglosigkeit. „Polnische Wirtschaft“ war damals ein Schimpfwort im Westen, vor allem in der Bundesrepublik. Es war ein Synonym für Nicht-Gelingen, Durcheinander, Schlamperei und Scheitern.

Damals war Polen auf dem Tiefpunkt angelangt, mit Kriegsrecht und einem General an der Spitze des Staates. Die Solidarnosc-Aktivisten waren interniert oder saßen im Gefängnis, waren kaltgestellt oder sind geflohen. Mehltau lag auf dem Land. Nichts ging mehr.

Rund 30 Jahre ist das nun her. Doch es sind 30 Jahre, in denen sich vieles grundlegend änderte. Polen ist die faszinierende Geschichte einer kompletten Transformation, eines Wandels wie ihn kein anderes Land im ehemaligen Ostblock geschafft hat. Mit der Wende im Juni 1989, selbst eingeleitet noch vor dem Fall der Mauer in Berlin, wachte das Land auf. Seither wächst die Wirtschaft, blühen Geschäftssinn, Handel, Kreativität. Seit einem Vierteljahrhundert hat dieses Land nun Erfolg, auch als alle anderen unter der Finanzkrise ächzten. Polnischer Optimismus statt „polnische Wirtschaft“. Polen gelang im Eiltempo, was Opel seit Jahren versucht: Umparken im Kopf.

Polen gelang im Eiltempo, was Opel seit Jahren versucht: Umparken im Kopf.

Und nun das: Rechtsnationale erobern zuerst das Präsidentenamt, dann mit Sejm und Senat beide Kammern des Parlaments. Dann wird das Verfassungsgericht lahmgelegt, die öffentlich-rechtlichen Medien kommen an die Leine, ein strenges Polizeigesetz wird erlassen, spätestens im Sommer ist auch die bislang noch unabhängige Nationalbank an der Reihe. Ministerpräsidentin Beata Szydlo lässt zu ihrer ersten Pressekonferenz sämtliche Europa-Fahnen abhängen, als seien die zwölf Sterne auf blauem Grund die Insignien eines verhassten Besatzers. All das vollzieht sich in rasendem Tempo, innerhalb weniger Wochen.

Stimmt also das Diktum von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der von einem Staatsstreich sprach, vielleicht doch? Man reibt sich die Augen. Das ist kein Regierungswechsel mehr, sondern ein Ideologiewechsel. Der Wahlsieg interpretiert als totaler Machtanspruch auf ein ganzes Land. Die Partei von Jaroslaw Kaczynski, Recht und Gerechtigkeit (PiS), will mehr als nur eine andere Politik, sie will eine andere Republik.

Vernichtet Warschau den großen Vertrauensvorschuss, den sich das Land so respektabel erarbeitet hat? Was passiert in dem Land, das so wunderbar normal geworden war, in dem Grenzen keine Rolle mehr spielten, Breslau 2016 Kulturhauptstadt wurde, in die deutsche Jugendliche pilgern ohne auch nur eine Spur von Ressentiment oder gestrigem Denken? Nun skandieren polnische Demonstranten gar: „Ich liebe die EU – einschließlich Deutschlands“, weil Deutschland – neben Russland – zum bevorzugten Hassobjekt der neuen polnischen Regierung geworden ist.

Die Antwort ist: Zu schnell ist all das gegangen, was in den letzten 25 Jahren passiert ist. Zu schnell kam der Wandel, zu groß war der Erfolg, zu hoch das Tempo. Wer heute durch Polen reist, kann dies noch immer sehen: Von Berlin über die Oder nach Posen, weiter nach Krakau, dann hinein nach Zentralpolen, Kielce, Lublin, rauf in den Norden nach Bialystok, unweit der Grenze zu Weißrussland. Dort erlebt der Reisende ein anderes Polen, ein Polen der Tradition, der Kirche, des Mangels, der Rückständigkeit, ja, der Pferdefuhrwerke. Man sieht Bauernhöfe, die mehr schlecht als recht über die Runden kommen und Betriebe, die keine Zukunft haben, aber dennoch weiter existieren. Die Menschen führten im Kommunismus zwar kein besseres Leben, konnten aber ihr Schicksal zumindest einer vermeintlich guten Sache zuschreiben.

Dieses Polen fühlt sich fremd in einem Europa, das die Rechte von Homosexuellen preist, die gleichgeschlechtliche Ehe zulässt, muslimische Flüchtlinge willkommen heißt, die Kirche an den Rand drängt und Toleranz über Prinzipien stellt.

Dieses Polen hatte sich von der Modernisierung nach der Wende nie mitgenommen gefühlt. Trotz der vielen Milliarden Euro aus den Kassen der EU, die in die strukturschwachen Regionen Polens flossen, trotz der vielen Schilder an den Straßenrändern mit dem Sternenemblem der EU und den guten Taten, die mit Hilfe der Euro vollbracht werden konnten. Dieses Polen fühlt sich fremd in einem Europa, das die Rechte von Homosexuellen preist, die gleichgeschlechtliche Ehe zulässt, muslimische Flüchtlinge willkommen heißt, die Kirche an den Rand drängt und Toleranz über Prinzipien stellt. Dieses EU-Europa war und ist nicht das Europa der polnischen Traditionalisten. Und das Deutschland unter der vermeintlich so prinzipienlosen Angela Merkel ist es schon gleich gar nicht.

Dieses Polen ist übersehen worden, von den polnischen Modernisierern in Warschau und dem westlichen Polen zwischen Posen, Stettin und Danzig. Es ist auch von den europäischen Reformern in Berlin und Brüssel übersehen worden. Und die EU ist unübersichtlich groß geworden. Der polnische Süden und Osten, die Ränder, wurden links liegen gelassen oder lediglich mit Geld überschüttet. Dabei ist der Kirchensender „Radio Maryja“ dort stets wichtiger geblieben als das Geld. Doch Brüssel war weit weg und das politische Warschau intellektuell weit entrückt, bis die PiS diesem Polen eine Stimme gab.

Das heutige Polen ist ein Weckruf, nein, ein Alarmsignal. Wachstumszahlen, Inflationszahlen und Defizitzahlen sind nur die eine Wahrheit, aber nicht die ganze. Die Ökonomisierung der Gesellschaft hat ihren Preis und dieser ist: Nicht alle ordnen sich dem Primat der globalisierten Wirtschaft unter. Manche tun dies nicht, weil sie schlichtweg nicht können, andere, weil sie partout nicht wollen. Und sie wollen es auch dann nicht, wenn es vermeintlich irrational ist. Das müssen die Liberalen in Warschau verstehen – und jene in Brüssel. Nach Ungarn nun Polen: Es könnte nur ein Anfang sein.