Sind Konflikte, wie Samuel Huntington vor 20 Jahren vorhersagte, heute vor allem Auseinandersetzungen an den Grenzen zwischen den acht großen Zivilisationen? Ein Blick auf die Statistik der Kriege zeigt ein anderes Bild: Kriege wurden vor allem innerhalb der von ihm unterschiedenen Zivilisationen geführt, in der „afrikanischen“, in der „hinduistischen“, vor allem aber in der „islamischen“ Welt.

Die Kriege in Syrien und Irak sind blutige Auseinandersetzungen, die vor allem radikale und gemäßigte Muslime, Schiiten und Sunniten untereinander austragen. Zudem ist das Huntingtonsche Modell stabiler Kulturen über Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart zu statisch und zu simpel, um für belastbare Zukunftsprognosen zu dienen.

Trotzdem ist die Auseinandersetzung mit den Thesen des „Clash of Civilizations“ anregend. Huntington schrieb nicht zuletzt gegen die andere politische Weltdiagnose, die Anfang der 1990er Jahre viel gelesen wurde, an: Gegen Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“. Beide Vorhersagen haben sich als falsch erwiesen – weder werden die Konflikte überwiegend zwischen den großen Zivilisationen ausgetragen, noch hat der westliche Liberalismus als Gesellschaftsmodell auf ewig alle anderen übertrumpft.

Was Francis Fukuyama deutlich unterschätzt hat – nämlich die Stabilität nicht-westlicher Ordnungsvorstellungen, hat Huntington weit überschätzt.

Huntington lag richtig mit seiner Prognose, dass das westliche Modell nicht überall in der Welt mit offenen Armen aufgenommen werden würde, dass gewachsene Kulturen Widerstand leisten würden. Dieser Widerstand ist tatsächlich in vielen Weltregionen, insbesondere im Nahen Osten, aber auch etwa in Russland, gewachsen. Westliche Regierungen haben dazu im Glauben an die Fukuyama-These nicht unerheblich beigetragen – durch militärische Interventionen wie im Irak, aber auch durch die Förderung einer Globalisierung mit vielen Verlierern.

Doch Huntington lag falsch mit der These der einenden Wirkung von Kulturen in abgrenzbaren Territorien. Gesellschaften, zumindest solche, die nicht von autoritären Regierungen oder Herrschenden niedergezwungen werden, werden immer heterogener. Westlich-liberal orientierte und traditionellen Kulturen verhaftete Menschen leben fast überall nahe zusammen. Die Explosion der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten erlaubt einerseits den Einblick in viele Kulturen und Subkulturen, kann andererseits aber auch der Abschottung dienen. Multikulti ist praktisch überall, wo Menschen eng beieinander leben, in Westeuropa und in China wie in Afrika.

Was Fukuyama deutlich unterschätzt hat – nämlich die Stabilität nicht-westlicher Ordnungsvorstellungen, hat Huntington weit überschätzt. Das von der syrischen Nationalopposition angestrebte Gesellschaftsmodell unterscheidet sich deutlich von dem Assads und dem des Islamischen Staats. Aber alle Kriegsgegner berufen sich auf „den“ Islam und bekämpfen einander auf blutigste Weise.

Wichtiger noch: Wie die Beobachtung zunehmender Heterogenität innerhalb von Territorien andeutet, ändern sich kulturell-identitäre Verortungen. Manchmal geschieht dies sogar sehr rasch. Ein aktuelles Beispiel ist die Ukraine: Die aktuelle Demarkationslinie des Konfliktes läuft nicht zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten, wie Huntington vorhersagte, sondern mitten durch die orthodoxe Ukraine: Zwischen denen, die ein westlich-liberales Gesellschaftsmodell bevorzugen, und denen, die sich dem autoritären Modell Russlands anschließen wollen.

Das zeigt: Prognosen über die zukünftigen Konfliktlinien bedürfen einer differenzierteren, weniger starren und deterministischen Grundlage als Huntington sie beschrieben hat. Kulturen sind wichtig, aber ihre Bedeutung für Konflikte ist komplex. Das macht Vorhersagen schwieriger, aber eröffnet auch mehr Möglichkeiten, Konflikte zu bearbeiten. Der „Clash of Civilisations“ in der Form wie Huntington ihn beschrieben hat, ist weder Schicksal noch die wahrscheinlichste Form zukünftiger Konflikte.