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Leuchtturm
Zum Tod von Pawel Scheremet.

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Picture Allance
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Präsident Petro Poroschenko auf der Trauerfeier für Pawel Scheremet am 22. Juli 2016 in Kiew.

6. Juli 2002 im Reichstag in Berlin: Die Parlamentarische Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verleiht Pawel Scheremet den Preis für Journalismus und Demokratie. Er „verkörpert die Essenz“, die den Sinn des Preises ausmacht: Mit „bewundernswertem Mut berichtete er unabhängig und verlässlich über den Mangel an der Freiheit des Wortes in Belarus und über Menschenrechtsverletzungen und darüber wie Journalisten und Oppositionspolitiker verschwunden sind.“

Journalist wurde er, weil ihn empörte, wie der Beginn eines fundamentalen Wandels in den späten 1980er Jahren von einem neuen Autoritarismus umgebogen wurde. Hellsichtig erkannte er, wie das, was die sowjetische Erbschaft hinterließ, wenn es nicht rückhaltlos aufgearbeitet werde, eine demokratische Zukunft gefährden würde. Auch deshalb verteidigte er leidenschaftlich die Menschenrechte: vor allem Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Pressefreiheit. Im November 1997 unterzeichnete er als Mitbegründer die „Charta 97“, ein Manifest, das die „Verletzung von grundlegenden Menschen- und Freiheitsrechten durch die Administration von Präsident Alexander Lukaschenko“ beende wollte. 20 Jahre nach der „Charta 77“ sollte ein neuer Mut zur Demokratie anspornen.

Journalistische Arbeit war für Scheremet, daran mitzuwirken, Demokratie von unten aufzubauen.

Sein journalistisches Leben war davon geprägt: Ethos des liberalen Journalisten ist es, umfassend zu recherchieren, präzise zu dokumentieren, schlüssig zu argumentieren. Und die Leser, die Zuhörer, die Zuschauer sollten verstehen, was vor sich geht. Pawel Scheremet ermutigte das Publikum zu selbstständigen Denken. Journalistische Arbeit war für ihn, daran mitzuwirken, Demokratie von unten aufzubauen. Wo immer sie gefährdet war, mussten ihre Feinde sichtbar gemacht werden. Wo Macht missbraucht wurde, wo Korruption von innen gesellschaftliches Vertrauen zerstörte, wo politische oder wirtschaftliche Akteure sich gegen das Licht der Öffentlichkeit in die Dunkelheit zurückzogen, dort musste ein demokratischer Journalismus die Feder in die Hand nehmen, und die Stimme der Aufklärung sollte unüberhörbar werden.

Lukaschenko, Putin, Poroschenko – kein Präsident der Länder, in denen er Spuren hinterließ, konnte sicher sein vor Scheremets Kritik. Die Menschen in Belarus, Russland und der Ukraine haben eine wichtige Stimme verloren. Für sie, die festhalten an der Chance, frei leben zu wollen, ohne Angst vor dem Entzug ihrer Rechte, ohne Furcht, der Willkür unkontrollierter Macht ausgeliefert zu sein – für sie war Pawel Scheremet ein Leuchtturm, der in eine Zukunft zeigt, die anders ist als eine Gegenwart, die viele bedrückt. Seine Ermordung folgt einer Blutspur. Georgiy Gongadse, Anna Politkowskaja, Boris Nemzow und nun Pawel Scheremet. Sie alle und viele mehr stehen für Demokratie. Ihre Sehnsucht nach Freiheit wird ihre Mörder überleben.

Pawel Scheremet wurde am 20. Juli 2016 durch eine Autobombe in Kiew getötet. Zuletzt hat er für die Zeitung „Ukrajinska Prawda“ gearbeitet.

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1 Leserbriefe

Hardy Koch schrieb am 26.07.2016
Was hat Pawel Scheremet über Wiktor Janukowytsch und dessen nichtlegitimierte Amtsenthebung geschrieben? Und wer ist tatsächlich für seinen Tod verantwortlich? Soll darüber jetzt spekuliert werden oder gibt es bald Fakten?